++ EIL ++

OB Hilbert sieht keine Gründe für Demo-Verlegung

Zuletzt aktualisiert:

Dresdens Oberbür­ger­meister Dirk Hilbert hat einen offenen Brief zum Demons­tra­ti­ons­ge­schehen Montag­abend veröf­fent­licht. Zahlreiche Dresdner Kultur­in­sti­tu­tionen, aber auch 80.000 Menschen forderten in einer Online­pe­ti­tion, die Verle­gung der Pegida-Demo vom Theater­platz. Grund ist das geschichts­träch­tige Datum, der Jahrestag der Reich­po­grom­nacht. Am 9. November 1938 brannten die Synagogen in Deutsch­land. Auch in Dresden wurde die Synagoge angezündet. Der Theater­platz war von den Natio­nal­so­zia­listen in Adolf-Hitler-Platz umbenannt worden. Hilbert betonte, es widere ihn an, was von der Bühne herab gesagt wird. Zudem sei beispiels­weise auf den Facebook-Seiten von Demons­tranten seine Privat­adresse veröf­fent­licht worden, diese habe für ihn und seine Familie eine neue Dimen­sion. Zugleich betonte er, dass das Sächsi­sche Versamm­lungs­ge­setz der Stadt keine Handhabe gebe. Pegida-Gründer Lutz Bachmann teilte auf unsere Anfrage zu den Forde­rungen einer Demover­le­gung mit: "Ich beschäf­tigte mich mit dem Thema gar nicht. Wir haben ganz andere Baustellen in Deutsch­land. 80.000 Unter­schriften hab ich in 15 Minuten bei einer Online­pe­ti­tion zusammen, egal zu welchem Thema."Das vollstän­dige State­ment von Dirk Hilbert:„Im Laufe der vergan­genen Tage haben mich zahlreiche Telefo­nate und Mails erreicht. Immer ging es dabei um den heutigen Tag und die Frage, wie sich das Demons­tra­ti­ons­ge­schehen gestaltet. Wie Sie alle wissen, gibt es heute dazu einige Großan­zeigen in lokalen Zeitungen und eine Online-Petition. Das Ziel der Initia­tiven ist das Verbot oder die Verle­gung der PEGIDA-Demons­tra­tion. Ich nehme sowohl den offenen Brief, als auch die Petition sehr ernst und will deshalb genau über diesen Weg auch eine entspre­chende Antwort an die Unter­zeichner dieser Initia­tiven übermit­teln.Ich habe mich an verschie­densten Stellen meiner bisher kurzen Amtszeit deutlich zu der PEGIDA-Bewegung geäußert und ich bin überzeugt, dass mir niemand allen ernstes unter­stellen kann, ich sei hier nicht klar positio­niert. Wie viele Dresd­ne­rinnen und Dresdner auch, empfinde ich es beschä­mend, dass eine solche Gruppe hier entstanden ist und auch großen Zulauf erfahren hat. Was von der Bühne herab gesagt wird, widert mich genauso an, wie viele andere in diesem Land. Wenn auf den Facebook-Seiten von Montags­de­mons­tranten und Asylgeg­nern meine Privat­adresse veröf­fent­licht wird, dann hat dies auch für mich und meine Familie eine Dimen­sion, die weit über meine Amtstä­tig­keit hinaus­geht. Gleich­zeitig bin ich mir bewusst welch immenser Schaden für die Stadt Dresden aufgrund der Demons­tra­tionen von PEGIDA entsteht. Erst am Samstag habe ich der Sächsi­schen Zeitung gegen­über gesagt: PEGIDA vernichtet Arbeits­plätze.Doch meine persön­liche Auffas­sung zu diesem Thema ersetzt nicht meine Verant­wor­tung gegen­über dem Gesetz. Ich habe mir vom zustän­digen Bürger­meister sehr ausführ­lich die Entschei­dung der Versamm­lungs­be­hörde zum heutigen Tag erläu­tern lassen und komme zu dem Schluss, dass ich die Einschät­zung der Juristen teile. So schwer es mir fällt und so sehr ich die Konse­quenzen bedaure: Ich sehe keine Möglich­keit, PEGIDA die Demons­tra­tion auch an einem 9. November zu versagen oder den Ort an den Stadt­rand zu verlegen. Das sächsi­sche Versamm­lungs­ge­setz benennt den heutigen Tag weder als beson­ders schüt­zens­wert, noch treffen andere Sachver­halte zu, die ein Verbot recht­fer­tigen würden.Hätten die gleichen Kultur­in­sti­tu­tionen, die jetzt ein Verbot bzw. Verle­gung fordern, schon vor Wochen eine Veran­stal­tung zum 9. November auf dem Theater­platz angemeldet, gäbe es sicher­lich recht­lich gesehen weit mehr Optionen, als sie der Versamm­lungs­be­hörde am heutigen Tag zur Verfü­gung stehen.Mir ist klar, dass diese Position von vielen Bürgern und Politi­kern nicht geteilt werden wird. Dennoch bin ich der Überzeu­gung, dass der Versuch, PEGIDA zu verbieten auch gegen das Recht auf Meinungs- und Versamm­lungs­frei­heit verstoßen würde. Das Grund­ge­setz hat völlig zu Recht weder eine politi­sche, noch eine morali­sche Kategorie in diese beiden Artikel einge­ar­beitet. Weder die Politik, noch eine Mehrheit oder Meinungs­füh­rer­schaft soll in der Lage sein, die Grund­rechte einer Minder­heit erheb­lich einzu­schränken. Selbst dann nicht, wenn ein Teil dieser Minder­heit unsere demokra­ti­sche Ordnung anschei­nend ablehnt.Der 9. November ist ein Datum in der deutschen Geschichte, wie kein zweites. Am 9. November 1938 zeigte sich die menschen­ver­ach­tende und hasser­füllte Fratze des Natio­nal­so­zia­lismus der Welt ganz offen. Die Verbre­chen geschahen nicht mehr heimlich, nicht mehr im dunkeln, sondern vor aller Augen. In diesen Tagen zeigte sich auch, dass die Mehrheit der deutschen Bevöl­ke­rung bereit war, diese Verbre­chen zu tolerieren, wegzu­schauen und mitzu­ma­chen.Der 9. November 1989 wiederum ist der Tag, an dem 16 Millionen Bürger der DDR ihre Freiheit zurück erhielten. Mit diesem Tag war der Unter­gang der SED-Diktatur besie­gelt. Gleich­zeitig erhielten genau mit diesem Tag die Menschen der DDR ihre Grund­rechte auf Meinungs-, Versamm­lungs-, Reise und Presse­frei­heit Stück für Stück wieder zurück.Heute, am 9. November 2015, disku­tieren wir in dieser Stadt darüber, ob PEGIDA demons­trieren darf. Die Verfasser des Offenen Briefes an mich führen dazu an, dass der Schaden riesig sei, wenn an einem solchen Tag Botschaften des Hasses über den Theater­platz gebrüllt werden. Ja, damit haben die Unter­zeichner völlig recht.Ein Kommen­tator der Sächsi­schen Zeitung schreibt treffend: Keine Hetze am Tag der Hetze. Er schreibt auch, es gäbe die recht­liche Mittel PEGIDA heute zu verbieten. Leider schreibt er nur nicht, welche dies sind.Ich werde das Grund­ge­setz nicht wegen eines morali­schen Schadens oder für einen Image­ver­lust außer Kraft setzen und gegen meine Überzeu­gung ein Verbot anordnen. Ich werde auch nicht aus politi­schen Motiven heraus eine Entschei­dung fällen, um die Verant­wor­tung dann auf die Verwal­tungs­ge­richte abzuwälzen. Ich glaube, dass gerade aus dem 9. November eine ungeheure Verant­wor­tung dem Rechts­staat gegen­über erwächst. Recht und Gesetz in unserem Land dienen dem Schutz der demokra­ti­schen Grund­ord­nung, genauso wie Zivil­cou­rage und gesell­schaft­li­ches Engage­ment.Die montäg­li­chen Redner von PEGIDA wollen ihren Zuhörern ja gerade eintrich­tern, unser Land wäre eine Diktatur der politi­schen Klasse, der Journa­listen und Meinungs­ma­cher. Sie beschwören einen Wider­stand gegen das vermeint­liche System von Unter­drü­ckern. Doch Deutsch­land ist weit davon entfernt ein solches Land zu sein. Vielmehr ist unsere Demokratie in der Lage auch diese Auswüchse zu ertragen.“