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  • Mit dem nunmehr 14. Album „Ach, die Menschen“ setzt Keimzeit den höchst individuellen Kurs fort.

Keimzeit: Neue Platte und mein alter Irrtum

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Seit Jahrzehnten begleitet mich Keimzeit. Ich bin textsicher, die Rhythmen packen mich zuverlässig an den Hüften, und aus den Liedern habe ich mir über die Jahre meine ganz eigenen Filme gebaut. So macht man das ja. Man hört, denkt, deutet, dichtet weiter. Und dann sitzt da Norbert Leisegang im Interview zur neuen Platte „Ach, diese Menschen“, die heute erschienen ist, und erklärt einem mit freundlicher Ruhe, dass manches eben ganz anders gemeint war.

Das ist so ein Moment, in dem kurz etwas knirscht. Nicht laut. Eher innen.

Denn natürlich hat er, Norbert Leisegang, die Texte geschrieben. Natürlich weiß er, was er sich dabei gedacht hat. Aber was ich mir dabei gedacht habe, als ich „Irrenhaus“, „Flugzeuge ohne Räder“ oder „Bunte Scherben“ hörte, das lasse ich mir nun auch nicht einfach aus der Hand nehmen wie einen Mantel an der Garderobe. Kunst ist schließlich keine Betriebsanleitung.

Die kleinen Dinge statt der großen Parolen

Die neue Platte „Ach, diese Menschen“, das 14. Studioalbum von Keimzeit, macht laut Leisegang genau da weiter, wo die Band schon lange unterwegs ist. „Das Schloss“, „Kein Fiasko“, „Ach, diese Menschen“ – fast schon ein Triptychon. Keine Neuerfindung, keine scharfe Kurve, kein hektisches Modernisierungsfieber. Eher Handschrift. Eher Fortsetzung. Leisegang sagt, es gehe wieder um den Blick auf die Menschen, auf kleine Begebenheiten, auf Szenen des Alltags. Eine Frau mit Hund. Begegnungen. Merkwürdigkeiten. Die Spezies Mensch, betrachtet mit Humor und Respekt.

Das klingt erstmal unspektakulär. Ist es aber nicht. Denn gerade darin war Keimzeit immer stark: nicht im großen Aufmarsch, sondern im genauen Hinsehen. Nicht in den Schlagzeilen, sondern in dem, was zwischen Tür, Tresen, 9x9 Meter Holzparket, Singapur und Samba-Sultan passiert.

Leisegang holt sich seinen Stoff nicht aus der großen Nachrichtenlage, sondern aus dem, was ihm selbst begegnet. Aus erster Hand, aus dem Alltag, aus kleinen Begebenheiten unter Menschen, die er oft spannender findet als die große gesellschaftliche oder politische Bühne. Das erklärt einiges. Auch, warum bei Keimzeit am Ende ein Lied wie „Fasching im Februar“ auftaucht. Auf die Frage, ob er früher beim Fasching Hänsel gewesen sei, antwortet Leisegang trocken: Fiktion. Weder Hänsel noch Gretel. Sondern der kleine Muck. Man sieht ihn direkt vor sich. Und versteht: Genau dort beginnt bei Keimzeit das Material.

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Und was ist nun mit der Politik?

Da wird es interessant. Denn viele Hörer, ich eingeschlossen, haben in ältere Keimzeit-Songs immer mehr hineingehört als bloß private Miniaturen. Da schien Gesellschaft drin zu stecken, Wende, Osten, Orientierungslosigkeit, dieses ganze stolpernde Jahrzehnt nach dem Umbruch. Leisegang winkt da eher gelassen ab. Vieles davon, sagt er, sei so gar nicht politisch gemeint gewesen. „Flugzeuge ohne Räder“ etwa sei von Hermann Hesse inspiriert, nicht von DDR-Biografien im freien Fall. 

Aha. Da sitzt man dann und denkt: Jahrzehntelang falsch abgebogen. Oder vielleicht eben auch nicht. Denn Leisegang sagt den entscheidenden Satz gleich mit: Wenn ein Song Bilder und Assoziationen auslöst, dann ist das gut. Auch wenn sie politisch sind. Nur sei das dann eben nicht mehr seine Sache.

Da sind wir wieder versöhnt.

Und der alte Irrtum?

Bleibt also die Erkenntnis: Ich habe Keimzeit vielleicht an manchen Stellen falsch verstanden. Oder besser gesagt: anders. Aber das ist kein Schaden. Eher ein Beweis dafür, dass diese Lieder Platz haben. Für den Autor. Und für den Hörer. Für mich. Und für die Wende. Für Fasching im Februar und für das ganz persönliche Kopfkino.

Nur eines steht fest: Meine alten Vorstellungen behalte ich trotzdem. Aus Prinzip. Und weil’s schöner ist. Jedenfalls für mich…