• Edda Weiß hat sich fast 20 Jahre lang für die AIDS-Prävention der Region stark gemacht. (c) Claudia Drescher/ dpa

    Edda Weiß hat sich fast 20 Jahre lang für die AIDS-Prävention der Region stark gemacht. (c) Claudia Drescher/ dpa

Kampf gegen Aids: Auszeichnung für Zwickauer Sexualpädagogin

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Mit der Aids-Medaille ehrt der Freistaat seit 2006 Menschen, die sich um die Prävention verdient gemacht haben oder sich besonders um Betroffene kümmern. In diesem Jahr geht die Auszeichnung nach Zwickau.

Die ins brünette Haar hochgeschobene Brille ist ihr Markenzeichen, ihr herzliches Lächeln vielen Zwickauern vertraut: Fast 20 Jahre lang war Edda Weiß das Gesicht der Aids-Hilfe Westsachsen. Immer wieder hat die Sexualpädagogin das Thema HIV unermüdlich auf die Agenda gesetzt. Dafür wird sie am Dienstagabend (ab 19.00 Uhr) mit der Sächsischen Ehrenmedaille «Für herausragende Leistungen im Kampf gegen HIV und Aids» ausgezeichnet. Die Verleihung übernimmt Sachsens Sozialministerin Barbara Klepsch (CDU).

«In fast einem Vierteljahrhundert ist die Beratungsstelle durch den beispiellosen, unermüdlichen Einsatz von Edda Weiß zu einer zuverlässigen und kompetenten Beratungsstelle gewachsen», sagte Klepsch der Deutschen Presse-Agentur. Zwar ist Weiß seit einem halben Jahr im Ruhestand. Doch über die Ehrung freut sich die 64-Jährige sehr. «Es ist eine tolle Anerkennung der langjährigen Arbeit», sagte sie der dpa im Vorfeld der Verleihung. Dabei fiel ihr das Jobangebot als Koordinatorin der Zwickauer Beratungsstelle quasi in den Schoß.

Als gelernte Erzieherin und spätere Bildungsreferentin hatte sie zwar schon immer mit Kindern und Jugendlichen zu tun. «Aber als ich beim Einkaufen in einem Drogeriemarkt gefragt wurde, ob ich in der Aids-Hilfe arbeiten möchte, habe ich lange überlegt, ob ich das kann, und das nicht nur wegen der Kondom-Übung.»

Sie konnte und begann mit Anfang 40 nochmal ein Studium der Sexualpädagogik. Über die Jahre beantwortete sie Tausende neugierige Fragen rund um das große Thema Sexualität. Denn neben der Betreuung Betroffener sind die vier sächsischen Beratungsstellen vor allem in der Prävention tätig. «Aber obwohl wir in einer Gesellschaft leben, in der vermeintlich jeder alles über Sex weiß, gibt es noch so viele Tabus. Aufklärung ist wichtiger denn je», schilderte die Zwickauerin.

Sie habe Viertklässler erlebt, die noch nie eine Frau oder einen Mann nackt gesehen hätten. Aber auch vierte Klassen, in denen nahezu jedes Kind schon einmal heimlich auf dem Schulhof einen Porno gesehen hätte. Sexualpädagogik sei wichtig, um über Aids und andere sexuell übertragbare Krankheiten aufzuklären. «Wer nichts weiß, kann sich auch nicht schützen.»

Mindestens genauso wichtig ist es Weiß zufolge aber, über das Thema Sex auch Werte, Rollenbilder und Klischees zu hinterfragen und über Gefühle zu sprechen. Und das deutlich früher als es der Lehrplan vorsieht: «Die Pubertät geht heute oft schon in der 4. Klasse los. Da können wir nicht erst in der 7. Klasse über Sex reden.»

Außerdem sei beispielweise gleichgeschlechtliche Liebe in sehr vielen Köpfen noch lange nicht als gleichberechtigt angekommen, allen prominenten Vorbildern zum Trotz. «Vor allem Männer, die mit Männern Sex haben, leiden nach wie vor unter Ausgrenzung und tradierten Vorstellungen von Männlichkeit, gerade abseits der Großstädte», so Weiß. Solche Haltungen nicht widerspruchslos zu übernehmen, sondern Sexualität als so vielfältig anzuerkennen wie sie in der Realität ist - das war stets ihre Botschaft.

In zahlreichen Projekten, Vorträgen, Ausstellungen oder Aktionstagen beleuchtete sie Sexualität immer wieder von anderen Seiten, um Tabus aufzubrechen. «Hervorzuheben ist auch der Aufbau eines riesigen Netzwerkes, über die sächsischen Grenzen hinaus», lobte Sozialministerin Klepsch. Damit sei es Edda Weiß gelungen, das Thema an alle Altersgruppen heranzutragen.

Die Immunschwächekrankheit Aids sei aufgrund der guten Behandlungsmöglichkeiten zwar nicht mehr das Schreckgespenst wie in den 80er und 90er Jahren. «Aber die Betroffenen müssen trotzdem damit umgehen lernen, dass sie die Krankheit ein Leben lang begleitet», so Weiß.

Nach jüngsten Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) lebten Ende 2017 in Deutschland rund 86 100 Menschen mit HIV. Davon nahmen 68 800 entsprechende Medikamente. Die Zahl der Neuinfektionen lag demnach bundesweit zuletzt bei ungefähr 2700. Damit sank die Zahl der Neuinfektionen erstmals wieder, nachdem sie die letzten zehn Jahre weitgehend stabil war.

In Sachsen haben sich demnach 2017 rund 150 Menschen neu mit dem Virus angesteckt. Im Freistaat leben 2100 Menschen mit einer HIV-Diagnose. Die tatsächliche Zahl der Betroffenen in Sachsen schätzt das RKI auf mehr als 2600. Dem gegenüber stehen beispielsweise bei der Aids-Hilfe Westsachsen durchschnittlich 2,5 Personalstellen. Finanziert wird die Beratungsstelle, die es seit 1990 gibt, von Freistaat, Landkreisen und Kommunen sowie über Eigenmittel. Im Dachverband der Deutschen Aids-Hilfe sind bundesweit insgesamt 130 solcher Einrichtungen organisiert. (Claudia Drescher, dpa)