++ EIL ++
  • Robotersysteme, die Bewegungsbefehle des Chirurgen hochpräzise, in Echtzeit und millimetergenau übersetzen, dabei auch feinstes Zittern herausfiltern können, sind bereits erfolgreich in Kliniken im Einsatz. Nun verspricht die Kombination dieser Technik mit Datenbrillen einen weiteren Innovationsschub.

Da Vinci bekommt Verstärkung

Zuletzt aktualisiert:

Im OP geht es manchmal zu wie im Gebirge bei Nebel. Der Weg ist eng. Links liegt ein Nerv. Rechts ein Blutgefäß. Vorne wartet der Tumor oder die Prostata. Und der Chirurg muss millimetergenau dorthin, ohne unterwegs Schaden anzurichten.

Genau hier bekommt der OP-Roboter Da Vinci jetzt digitale Verstärkung. Wissenschaftler vom Chemnitzer Fraunhofer IWU und dem Universitätsklinikum Leipzig haben Robotik mit einer Datenbrille kombiniert. Sie zeigt dem Operateur während des Eingriffs eine Art Landkarte direkt im Sichtfeld. Mit Koordinaten. Mit Orientierung. Mit dem, was das Auge von außen nicht sehen kann.

Hightech statt Bauchgefühl

Die Grundlage liefern präzise Patientendaten, etwa aus der MRT. Diese Bilder werden in eine räumliche Darstellung übersetzt. Das nennt sich Spatial Computing. Die Brille, zum Beispiel eine Apple Vision Pro, legt diese Informationen über die echte Anatomie. Dann spricht man von Augmented Reality.

Klingt nach Science-Fiction. Ist aber ziemlich praktisch. Der Arzt sieht nicht nur Blut, Gewebe und Instrumente. Er sieht zusätzlich, wo wichtige Strukturen liegen. Nerven. Gefäße. Zahnwurzeln. Tumorgrenzen. Zugangswege.

Der OP-Roboter wiederum setzt die Bewegungen des Chirurgen extrem präzise um. Er filtert Zittern heraus. Seine feinen Instrumente haben winzige Gelenke an der Spitze. Damit kommt er in Winkel, an denen die menschliche Hand längst Feierabend hätte.

Schonender operieren

Besonders spannend ist das in der Urologie. Etwa bei Prostata-Operationen. Dort liegen Nerven, die für Kontinenz und Potenz wichtig sind, sehr nah am Operationsgebiet. Jeder Zehntelmillimeter zählt.

Auch Eingriffe im Mund-Kiefer-Bereich könnten profitieren. Bei Implantaten, Tumoren oder Bohrkanälen kann die digitale Orientierung helfen. In der Tumor-Orthopädie gilt das Gleiche: So viel entfernen wie nötig, aber so wenig gesundes Gewebe zerstören wie möglich.

Sachsen als OP-Labor der Zukunft

Die App hinter der Technik wurde vom Fraunhofer IWU und der Leipziger Forschungsgruppe LEGEND entwickelt. Sie läuft auf Standard-Datenbrillen. Das könnte die Kosten senken und die Technik auch für kleinere Kliniken interessant machen.

Beim ersten europäischen Spatial-Computing-Gipfel für Medizin in Leipzig wurde Ende Juni gezeigt, wie aus dieser Forschung Praxis werden kann. Ärzte, Kliniken, Medizintechnik, Industrie und Forschung kamen dafür zusammen. Langfristig steht sogar die Idee im Raum, in Sachsen ein europäisches Zentrum für Spatial Computing in der Medizin aufzubauen.