Immer mehr Kinder brauchen psychotherapeutische Hilfe
In Sachsen brauchen immer mehr Kinder und Jugendliche eine psychotherapeutische Behandlung. Das geht aus dem Arztreport der Krankenkasse Barmer hervor. Demnach benötigten 2019 mehr als 36.000 Kinder und Jugendliche Hilfe wegen schwerer Belastungen, Angststörungen und Depressionen. Zehn Jahre zuvor waren es knapp 15.000, also halb so viele. Der Krankenkasse hatte als Grundlage die Daten von bundesweit mehr als 1,6 Millionen jungen Menschen, in Sachsen waren es 50 000, ausgewertet und auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet.
Zusätzlich habe die Corona-Pandemie die Situation noch ein Stück weit verschärft. Laut dem Arztreport, stieg allein im ersten Halbjahr 2020 die Zahl der unter 25-Jährigen mit Psychotherapie gegenüber 2019 um fast sechs Prozent. Seit dem zweiten Lockdown im November 2020 seien die Anfragen zu einem Erstgespräch um mehr als 40 Prozent angestiegen, betonte die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Cornelia Metge. Isolation, Probleme mit der veränderten Schulstruktur und familiäre Konflikte stünden im Vordergrund.
Wie Metge erklärte, komme es entwicklungsbedingt bei Kindern häufig zu Veränderungen im Verhalten. „Wenn Eltern diese Veränderungen jedoch als sehr dramatisch wahrnehmen oder plötzlich feststellen, sollten sie hellhörig werden.“ Verstärkter Rückzug, plötzlich auftretendes trotziges oder aggressives Verhalten, ein veränderter Antrieb, neu auftretende Ängste, ein veränderter Schlafrhythmus oder starke Wandlungen im Essverhalten könnten Hinweise auf das Vorliegen einer psychischen Erkrankung sein. Dann sei es gut, sich Rat zu holen, so Metge.
In den vergangenen Jahren ist aber auch die Anzahl der Psychotherapeuten, die speziell Heranwachsende betreuen, deutlich gestiegen. 2013 kümmerten sich in Sachsen etwa 940 Therapeuten um die psychische Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. 2019 waren es bereits rund 1270. Nach einer Umfrage der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer hatten im März 2021 jedoch nur vier Prozent der Psychotherapeuten überhaupt noch Kapazitäten für eine Richtlinientherapie, 80 Prozent hatten angegeben, dass sie völlig ausgelastet seien. Erstgespräche zur Einschätzung seien aber zumeist kurzfristig möglich, erklärte Metge.
Prävention und Hilfsangebote
Um vor allem die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen zu fördern gibt es verschiedene Hilfs- und Präventionsangebote. Hilfe finden Betroffene beispielsweise beim Online Portal FIDEO („Fighting Depression Online“) des Diskussionsforums Depression e.V.. Es richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 25 Jahren mit Depressionen.
In Sachsen gibt es außerdem das Schulprogramm „MindMatters“, ein umfassendes Präventionsprogramm für alle Schularten, in dem auch Aspekte, wie Umgang mit Stress, Mobbing, Trauer sowie psychische Auffälligkeiten und Störungen mit den Heranwachsenden thematisiert werden. Über das Weiterbildungsportal des Sächsischen Landesamtes für Schule und Bildung haben im Freistaat alle Lehrerinnen und Lehrer Zugang zu dem kostenfreien Fortbildungsangebot, das in Kooperation mit der Sächsischen Landesvereinigung für Gesundheitsförderung e. V. durchgeführt wird.
Außerdem gibt es noch den krisenchat für Menschen bis 25 Jahren. Bei psychischen Problemen, etwa durch Cybermobbing, können sie sich unkompliziert und anonym an geschulte Psychologinnen und Psychologen wenden.
Auch das Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie und Psychologische Psychotherapeutin an der Technischen Universität hat ein Präventionsprogramm entwickelt. Das Programm des Netzwerk für Suizidprävention in Dresden (NeSuD) ist für Schülerinnen und Schüler von 12 bis 18 Jahren und richtet sich an weiterführende Schulen (Oberschulen, Gymnasien, Berufsschulen). In zwei Mal 90 Minuten gibt es interaktive Wissensvermittlung zu Stress, psychischen Beschwerden und Suizidalität sowie zu Hilfsangeboten und Reaktionsmöglichkeiten, wenn ein/e Freund/in belastet ist.
