Das Geheimnis dieser Augen
Kein Zweifel: Es sind diese Augen. Sie schauen dem Betrachter direkt ins Gewissen. Mahnend ohne anzuprangern. Und das, obwohl sie so unendlich viel Leid gesehen haben. Den elenden Krieg. Hunger, Not, Verderben und Tod in Auschwitz. Die Augen von Justin Sonder, dem Ehrenbürger von Chemnitz, blicken überdimensional von einer Giebelwand an der Glockenstraße/Ecke Dresdner Straße. Das Graffiti-Porträt stammt aus der Spraydose von Falk Lehmann – besser bekannt als AKUT.
Stammgast und Freund
Einer, der das gekonnte Graffiti schon mehrfach angeschaut hat, ist Uwe Dziuballa, der Gastgeber im jüdischen Genuss-Restaurant „Schalom“ an der Heinrich-Zille-Straße. Hier ist das Essen köstlich-koscher, das Interieur gehoben-geschmackvoll und trotzdem schlicht. Der Gastronom: Eine stadtbekannte Erscheinung! Maßanzug, schlicht-elegante Uhr von „Glashütte“. Wenn er schreibt, dann mit einem Montblanc. Das Schalom ist eine Location, in der der gute Geschmack seit 25 Jahren nicht nur auf die Teller kommt (mehrere Empfehlungen im Gourmet-Führer Michelin).
Ein Restaurant, das Justin Sonder geliebt hat. Uwe Dziuballa hebt einen der einfach-schönen Holzstühle hoch, zeigt auf ein goldfarbiges Schild und liest die gravierte Schrift. Justin Sonder. Der Gastronom schaut aus dem Fenster, sagt leise: „Hier saß Justin so oft. Er war ein Stammgast. Nein, er war ein Freund.“
Die Location für die Aufnahme
Justin Sonders Stuhl. Am 12. Juli 2017 saß er besonders ruhig auf ihm, fokussierte sich auf die Kamera eines Fotografen. Klick. Klick. Klick. Dziuballa hat Aufnahmen von der Foto-Session auf seinem Laptop, zeigt das Motiv gern - und noch lieber das Porträt von Justin Sonder, das dabei entstanden ist und jetzt als Vorlage für das beeindruckende Graffiti in der Glockenstraße diente. Der Gastronom erinnert sich, sagt nachdenklich: „Justin wollte, dass die Aufnahme hier gemacht wird, denn das “Schalom„ war seit dem 15. März 2000 sein Stammlokal. Das Foto sollte in einem Buch über Persönlichkeiten gezeigt werden, das aber nie erschienen ist.“
Uwe Dziuballa lässt die Gedanken an Justin zurückgleiten. „Er hat bei mir seine Geburtstage gefeiert, auch seinen 'Befreiungsgeburtstag'. So nannte er den Tag seiner Befreiung aus Auschwitz“, sagt der Restaurantchef. „Hochzeiten, Feiern oder auch an den Geburtstagen seiner Frau und der Kinder: Immer traf sich die Familie hier. Über die Jahre ist so eine enge Vertrautheit und Freundschaft entstanden.“
Ein Mensch voller Güte
Für ihn ist es eine große Ehre und Freude, Teil dieses Moments gewesen zu sein. Dziuballa: „Wenn man sich das Gesicht auf dem Bild anschaut, sehen wir einen Menschen voller Güte. Und obwohl er so viel gesehen und erlitten hat, Dinge, die wir uns nicht mehr vorstellen können, erkennt man einen Menschen voller Güte, der seine Erfahrungen in Menschlichkeit verwandelt hat. Das alles steckt in diesem Werk, und genau das macht es so bewegend.“
Pflichtbesuch für ALLE Schüler
Ein Werk, das gesehen werden muss. In Sachsens Bildungsministerium sollte man einen Besuch des Justin-Sonder-Graffitis zur Pflichtaufgabe für alle Schüler machen. Sie sollen in seine Augen sehen, damit er ihnen ins Gewissen blicken kann.