Chemnitzer Tischler wird mit der Ministerin Klartext reden!
In Sachen Tischlerhandwerk und Restauration ist der Handwerkerhof Rotdorn in Chemnitz-Gablenz eine der ersten Adressen in Sachsen. Hier führt Sebastian Schulz (61) den Hobel. 80 Prozent der Holzarbeiten an der Dresdner Frauenkirche stammen aus seiner Werkstatt. Auch im Ballsaal des Dresdner Residenzschlosses hat er mit seiner Handwerkskunst mitgewirkt. Die Villa Esche, das Staatstheater Wiesbaden und das Chemnitzer Stadtbad tragen ebenfalls seine Handschrift.
Vom Großbetrieb zum Einzelkämpfer
In seinen Glanzzeiten beschäftigte er 40 Mitarbeiter, brauchte viel Platz und hatte seine Werkstatt auf dem Gelände der Diamantwerke in Chemnitz. Tempi passati – längst vergangene Zeiten Inzwischen ist Schulz Einzelkämpfer – auch, weil er eine Insolvenz hinter sich hat, die durch Hochwasser und Tariferhöhungen bedingt war. Dazu kamen unbezahlte Rechnungen …
Ministerin zu Besuch
Am Sonntag erwartet Schulz ministerialen Besuch: Sachsens Kultur- und Tourismusministerin Barbara Klepsch schaut ihm im Rahmen der Europäischen Tage des Kunsthandwerks am Sonntag um 12 Uhr über die Schulter. Vom 4. bis 6. April laden rund 60 Kunsthandwerker der Region – vom Holzgestalter über die Keramikerin und den Musikinstrumentenbauer bis zum Holzspielzeugmacher – zum Blick in ihre Werkstätten und Ateliers und auch zum Mitmachen ein. Allein 14 davon in Chemnitz.
Ausbildung? Kaum noch möglich!
„Wenn die Ministerin schon mal da ist, werde ich mit ihr nicht nur Kaffee trinken, sondern auch die Probleme des Handwerks ansprechen“, kündigt Schulz an. So sieht er sich außerstande, Nachwuchs auszubilden – und das, obwohl er darin reichlich Erfahrung hat. 90 Azubis haben bei ihm das Tischlern gelernt, 14 Meisterinnen und Meister haben unter seiner Leitung ihre Prüfungen bestanden. Er sagt: „Ich kann es mir schlichtweg nicht mehr leisten, Lehrlinge auszubilden.“
Die Ministerin ist voll des Lobes
Ein Widerspruch zu den blumigen Worten, mit denen Ministerin Klepsch ihren Besuch ankündigt. Sie schreibt:
„Die Tischlerei Sebastian Schulz in Chemnitz steht beispielhaft für die zahlreichen Kunsthandwerker, die sich an den Europäischen Tagen des Kunsthandwerks beteiligen, ihre Handwerkskunst präsentieren und den Besuchern vermitteln. Das Kunsthandwerk spielt in Sachsen eine wichtige Rolle für Kultur und Tourismus und zieht zahlreiche Gäste in die Regionen. Die verschiedenen Handwerkskünste wie Uhrmacherkunst aus Glashütte, Porzellanherstellung in Meißen, das Spitzenklöppeln im Vogtland oder das erzgebirgische Kunsthandwerk sind wichtige Bestandteile der Kultur und Identität in den Regionen. Kunsthandwerk lebt kulturelle Tradition, indem es alte Techniken bewahrt und an die junge Generation weitergibt.“
Ein Rechenbeispiel mit ernüchterndem Ergebnis
Schulz, Ex-Partner der ehemaligen Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig, sieht das anders und rechnet vor: „Wenn ich von einem Stundensatz von 50 Euro ausgehe und mich nur acht Stunden pro Woche den Lehrlingen widmen würde, käme nach drei Jahren eine Summe von 60.000 Euro zusammen. Dabei ist das Lehrlingsgeld von rund 800 Euro pro Monat noch gar nicht eingerechnet.“ Für ihn nicht zu stemmen. Zuletzt hat er zwei jungen Frauen durch Praktika den Beruf nähergebracht. Eine arbeitet inzwischen als Tischlerin.
Kein goldener Boden für alle
Und wie ist es mit dem sprichwörtlichen „goldenen Boden“, den das Handwerk angeblich hat? Der Tischler lächelt: „Das mag für manche zutreffen. Ich bin nicht reich geworden, obwohl ich sieben Tage die Woche jeweils zwölf Stunden in der Werkstatt arbeite.“
Bürokratie statt Werkbank?
Und die Bürokratie? Der Handwerker winkt ab und sagt: „Ich mache in dem Bereich eben das, was ich schaffe. Wenn ich alle geforderten Formulare ausfüllen würde, käme ich gar nicht mehr zum Tischlern.“ Der Hobel würde stumpf – in einer der besten Adressen für Tischlerhandwerk in Sachsen.