Chemnitz genehmigt neues Asylheim in Reichenbrand

Zuletzt aktualisiert:

In Reichenbrand sorgen Pläne für ein Asylbewerberheim für Verunsicherung. Anwohner der Anton-Günther-Straße wurden am Samstag von der Stadtverwaltung per Schreiben über eine entsprechende Baugenehmigung informiert. Es geht um einen leerstehenden Bürokomplex der Wismut. Die Gebäude grenzen unmittelbar an die Eigenheimsiedlung an der Anton-Günther-Straße. Der Baugenehmigung zufolge soll in dem Komplex eine Flüchtlingsunterkunft entstehen. „Die maximale Kapazität der Einrichtung umfasst 287 Plätze“, heißt es in dem Schreiben, das unserer Redaktion vorliegt.

Ein privater Investor hatte das Gelände vor einiger Zeit erworben. Als es um eine mögliche Nutzung ging, waren zunächst vier Varianten im Gespräch: eine Wohnanlage, Betreutes Wohnen, ein Abriss und Neubau von Eigenheimen oder auch eine Asylunterkunft. Gegen den letzten Vorschlag legten die Anwohner schon damals Widerspruch ein. Dieser wurde von der Landesdirektion abgelehnt.

Jetzt werden die Anwohner von der Stadt plötzlich vor vollendete Tatsachen gestellt. "Von Wohnanlage und Eigenheimen ist keine Rede mehr - nur noch das Asylheim steht auf dem Papier und wurde auch genehmigt", erzählt uns Ingrid Samland, die direkt neben dem Grundstück wohnt. "Das ist doch ein starkes Stück! Hier hat uns die Stadt vollkommen überrumpelt", macht die Chemnitzerin ihrem Ärger Luft.  

Ingrid Samland und ihre Nachbarn informierten umgehend Stadträte aus ihrer Gegend über das Vorhaben. Am Sonntag gab es ein Treffen, unter anderem mit CDU-Stadtrat Andreas Marschner. „Die Stadtverwaltung hat einmal mehr mit ihrer fehlenden Kommunikation zu den Bürgerinnen und Bürgern auf ganzer Linie versagt. Auch wir Stadträte hatten bis dahin keinerlei Informationen erhalten. Dass die Mitteilung am ersten Samstag der Sommerferien zugestellt wird, zeigt einmal mehr wie die Verwaltung bei sensiblen Themen agiert“ wettert Marschner.

Anwohnerin Ingrid Samland

Auch CDU-Stadträtin Solveig Kempe versteht das Handeln der Verwaltung nicht. „Die zuständigen Ämter müssen klar Stellung beziehen und über die Hintergründe informieren. Wenn es keinen Bedarf für Flüchtlingsunterkünfte gibt, dann darf es auch kein Vorhalten von möglichen Standorten geben. Besonders nicht in diesem Areal“, erklärt Kempe. Denn der Standort hat eine besondere Geschichte.

Auf dem Areal war früher ein Zwangsarbeiterlager der Auto Union AG/Chemnitz, in dem bis zum Ende des zweiten Weltkrieges zahlreiche Zwangsarbeiter ums Leben kamen. In der Nähe befindet sich seit letztem Jahr eine Gedenktafel.

„Es ist ein dunkler Ort der Geschichte, der heute als Mahn- und Gedenkstätte an die schlimmste Zeit Deutschlands erinnert. Ich habe kein Verständnis dafür, dass auf diesem Areal ein Wohnheim entstehen soll oder darüber nachgedacht wird. Die Stadtspitze sollte sich klar dazu bekennen, auf keinem so historisch negativ geprägten Areal in der Stadt ein Wohnheim entstehen zu lassen“, fordert Andreas Marschner.

Im Chemnitzer Rathaus reagierte man zunächst zurückhaltend. „Das Bauvorhaben an der Anton-Günther-Straße ist planungsrechtlich vom Stadtplanungsamt genehmigt worden. Ob der Bauträger es umsetzt, ist in sein Ermessen gestellt“, heißt es auf Nachfrage.

Zudem gebe es seitens der Stadt keinen Bedarf für eine neue Unterkunft für Asylbewerber. Die Kapazität der derzeitigen Unterkünfte sei ausreichend, ein Bedarf an weiteren Plätzen bestehe absehbar nicht.

"Wir haben kein neues Asylheim genehmigt", sagte uns ein Rathaussprecher. "Die Schreiben der Verwaltung an die Anwohner waren etwas unglücklich formuliert. Es ist natürlich auch normale Wohnbebauung auf dem Gelände möglich." Warum dann aber die Flüchtlingsunterkunft nicht aus dem Antrag gestrichen wurde, bleibt unklar.