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Chemmy: Haarige Highlights, italienische Momente und die Mama

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Es gibt Sportgalas, da werden Namen vorgelesen, Hände geschüttelt und Pokale überreicht. Fertig. Applaus. Heimweg. Und dann gibt es Abende wie die Chemmy-Gala im Kraftverkehr.
Da lag mehr in der Luft als Parfüm, Scheinwerferwärme und der Duft von Espresso. Da ging es natürlich um Siege, Titel, Zeiten und Weiten. Um Sportler des Jahres. Um Nachwuchs. Um Mannschaften. Um Stimmen und Jurys. Aber eigentlich erzählte dieser Abend etwas anderes. Dass Sport nicht nur aus Ergebnissen besteht. Sondern aus Menschen. Aus Müttern. Aus Vorbildern. Aus Frisuren. Und aus Momenten, die wie kleine Goldsplitter im Gedächtnis hängen bleiben.
Also Bühne frei. Für Chemnitz. Für große Leistungen. Und für die Frage: Was bleibt, wenn der Applaus längst im Treppenhaus verhallt ist?

Karina Schönmaier: Mama statt Sofa

Karina Schönmaier hatte mit vielem gerechnet. Nur damit nicht. Die Turn-Europameisterin wurde als Sportlerin des Jahres ausgezeichnet. Doch dann stand plötzlich ihre Mutter auf der Bühne und überreichte ihr den Chemmy. Karina dachte, ihre Mama sitze zu Hause auf dem Sofa. So kann man sich täuschen. Manchmal kommt das Glück eben nicht durch die Vordertür, sondern steht plötzlich im Rampenlicht.
„Ich hätte es nicht erwartet“, sagte Schönmaier. „Ich dachte, sie sitzt zu Hause auf dem Sofa. Und dann habe ich sie auf der Bühne gesehen.“
Das war kein Gala-Trick. Das war echt. Und es ging ihr sichtbar nah. „Meine Mama bedeutet mir einfach alles, weil ohne sie würde ich nichts hinbekommen“, sagte sie. Ein Satz für alle Eltern, die jahrelang fahren, warten, trösten und anfeuern. Für alle, die im Hintergrund stehen, während vorne der Nachwuchs glänzt.
Sportlich musste Schönmaier niemandem etwas beweisen. Weltcup-Sieg am Sprung in Osijek, zwei EM-Titel, weitere Medaillen. Nun schaut sie schon weiter. „Als nächstes stehen Europameisterschaften und WM an. Deswegen werde ich mich weiter gut vorbereiten.“
Und der Chemmy? Der landet nicht einfach irgendwo. „Ganz weit tief in meinem Herzen“, sagte sie. Das darf man an so einem Abend ruhig so stehen lassen.

Max Hess: Der Mann, die Kräfte, die Haare

Max Hess gewann wieder. Der Dreispringer wurde Sportler des Jahres. Nach eigener Rechnung war es sein sechster Chemmy. Trotzdem klang er nicht routiniert, sondern überrascht. Schön, wenn einer noch staunen kann, obwohl er die Bühne längst kennt.
„Dieses Jahr hatte ich es gar nicht auf dem Schirm“, sagte Hess. „Ich war sehr überrascht, dass es dieses Jahr dann doch nochmal mich getroffen hat.“
Übergeben wurde der Preis von Heike Drechsler. Mehr Chemnitzer Leichtathletik-Legende passt kaum in einen Satz. Für Hess war das besonders. „Umso schöner, dass so eine bekannte Person der Leichtathletik einem gratuliert und hier den Chemmy übergibt.“
Und dann: die Haare. Früher länger, jetzt kürzer. Nicht aus Laune, sondern aus Vernunft. Dreisprung ist kein Schaulaufen, sondern Arbeit gegen die Schwerkraft. Hess erklärte, dass bei seiner Disziplin teils bis zum 20-fachen des Körpergewichts auf den Körper wirkt.
„Wenn dann die Haare 20 Gramm mehr wiegen, mal 20, ist das auch wieder was, was man rausstemmen muss“, sagte er. Klingt wie ein Scherz. Ist aber Spitzensportlogik in Reinform. Wo andere über Styling reden, rechnet Hess in Belastung. Das Haar als Gegner. So weit ist es gekommen.
Nach einer Operation kämpft er sich zurück. „Ich bin auf dem Weg der Besserung“, sagte er. Erst laufen, dann kleine Sprünge, dann langsam zurück in den Dreisprung. Kein Glamour. Eher Werkstatt. Schrauben, ölen, prüfen. Aber genau dort werden Comebacks gebaut.

Leonidas Rekowski: Langhaar-Typ mit eigenem Namen

Bei Leonidas Rekowski war die Haarfrage anders gelagert. Die Haare waren da. Lang, sichtbar, markant. Fast ein kleines Markenzeichen im Fahrtwind. Man sah ihn und dachte: Da kommt einer, der nicht nur schnell sein will, sondern auch wiedererkennbar.
Der Bahnradsprinter wurde Nachwuchssportler des Jahres. 2025 wurde er in Anadia U-19-Europameister über 1000 Meter. Dazu kamen Silber im Teamsprint und später WM-Bronze in Apeldoorn.
Wegen seiner Frisur wird Rekowski oft mit Bahnrad-Legende Michael Hübner verglichen. Er nimmt das mit Respekt. Aber nicht als Kopiervorlage.
„Ich war immer schon so ein Langhaar-Typ“, sagte er. „Vielleicht ist es auch ein Markenzeichen.“ Ob die Haare bleiben? „Man weiß es nicht, vielleicht kommen sie auch bald wieder ab.“
Der Vergleich mit Hübner sei „eine große Würde“, sagte Rekowski. Doch dann zog er seine eigene Linie: „Mein Spitzname ist immerhin nicht Micha, sondern Leonidas. Und den Namen versuche ich groß zu machen.“
Das ist hübsch gesagt. Und ziemlich klar. Vorbilder ja. Schatten nein. Nun schaut er auf die Heim-EM in Cottbus, die WM in Belgien und irgendwann vielleicht auf Olympia 2028 in Los Angeles. Große Ziele. Große Tritte. Lange Haare. Noch.

Die Niners und die Sache mit der Serie

Mannschaft des Jahres wurden wieder die Niners Chemnitz. Schon wieder, muss man fast sagen. Zum achten Mal in Folge.
Das klingt inzwischen wie eine Gewohnheit. Ist aber keine. Denn Gewohnheit ist im Sport nur das freundliche Wort für jahrelange Arbeit. Für Trainingstage, Reisen, Druck, Niederlagen, neue Anläufe. Für all das, was im Scheinwerferlicht selten so schön aussieht wie der Pokal danach.
Die Basketballer holten 2025 keinen großen Titel. Trotzdem standen sie wieder in den Bundesliga-Playoffs. Zum vierten Mal nacheinander. Dazu kam die erste Teilnahme am Eurocup. Das ist keine Kleinigkeit, auch wenn man sich in Chemnitz fast schon daran gewöhnt hat, dass die Niners oben mitreden. Für einen emotionalen Schulterschluss sorgte die Ehrung zur Mannschaft des Jahres. Chris Löwe (37), Sportdirektor des Chemnitzer FC, übergab den mittlerweile achten Chemmy an die Basketballer der Niners. „Dem anhaltenden Erfolg der Niners zollen wir größten Respekt. Ich habe keine Sekunde gezögert, den Preis zu überreichen.“

Vielleicht ist das die eigentliche Kunst. So lange gut sein, bis es normal wirkt.

Schach macht Krach. Leise natürlich.

Der Publikums-Chemmy ging an die Schachspielerinnen des CSC Aufbau. Fast 3000 Sportfans hatten abgestimmt. Am Ende gewann eine Randsportart. Ausgerechnet Schach.
Man hörte förmlich, wie irgendwo ein Springer zufrieden auf f3 landete.
Anne Czäczine nahm den Preis mit ihren Töchtern Laura und Paula entgegen. Überraschung im Gesicht, Freude im Raum. Das hatte Charme. Denn nicht immer gewinnen die, die am lautesten auftreten. Manchmal gewinnen die, die lange nachdenken, sauber ziehen und am Ende plötzlich vorne stehen.
Schach ist eben nicht still. Es macht nur nicht so viel Lärm dabei.

Italienischer Abend, Eis im Becher, Kaffee in der Luft

Und weil Sportler auch essen müssen, gab es im Kraftverkehr nicht nur Pokale, sondern auch gute Teller. Alexxanders-Chef Roland Keilholz servierte italienische Momente: Ravioli mit Burrata und Melanzane in Trüffelschaum, Ossobuco vom Kalb, Risotto mit grünem und weißem Spargel und Meeresfrüchten sowie Tagliatelle.
Das war kein Nudelsalat neben der Turnmatte. Das war Dolce Vita in Chemnitz. Ein kleiner Ausflug nach Italien, ohne dass jemand den Kraftverkehr verlassen musste.
Dazu kam italienisches Eis von Ice Cream United, der Firma von Lukas Podolski, die auch eine Filiale in Chemnitz hat. Ein bisschen Fußball, ein bisschen Sommer, ein bisschen Kindheitsgefühl im Becher. Manchmal braucht es gar nicht mehr.
Espresso und Cappuccino kamen von der Kaffeerösterei Reinhardt aus Burgstädt. Der Duft lag über dem Abend wie ein warmer Schlussakkord. Dazu stand die neueste S-Klasse bereit, extra für einen Tag nach Chemnitz gebracht. Glanz auf Rädern. Natürlich auch das.
Die Tombola brachte 6500 Euro ein. Die Eschenbach-Group stockte auf 10.000 Euro auf. Feiern und helfen. Eine gute Kombination. Sollte man ruhig öfter machen.

Was bleibt?

Am Ende waren die Chemmys mehr als eine Preisverleihung. Sie waren ein Chemnitzer Sportabend mit Herz, Haltung und einem Schuss Glamour. Mit einer Mutter, die ihre Tochter überraschte. Mit einem Dreispringer, der erklärte, warum Haare Gewicht haben. Mit einem Bahnradsprinter, der lange Haare trägt, aber seinen eigenen Namen groß machen will. Mit Niners, Schachspielerinnen, Nachwuchs und vielen Gesprächen am Rand.
Die Pokale landen irgendwann im Regal. Die Fotos verschwinden in Archiven. Die Zahlen stehen in Listen.
Aber die kleinen Geschichten bleiben.
Und genau deshalb war dieser Abend gut. Nicht glatt. Nicht nur glänzend. Sondern menschlich.